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So war's gemeint. So war's erdacht. Diesmal echt.

Die Slam-Szene ist einmal mehr zerrissen: Grund der Aufregung ist eine von SAT.1-Comedy geplante Doku-Reihe zum Thema Poetry Slam. Da wird nun heftig diskutiert, ob die Vereinnahmung des Themas „Slam“ durch private Pay-TV-Sender der Anfang vom Ausverkauf ist.

In diesem Punkt möchte ich Volker Strübing Recht geben, der sinngemäß meint, dass es ja nun völlig egal ist, ob sich ein Fernsehsender durch Werbeeinnahmen oder ein Wirt durch Biearabsatz eine goldene Nase verdient. In beiden Fällen kommt meist gar nichts, wenn überhaupt eine Fahrtkosten-Erstattung beim Slammer an.

„Und wie heißt es, wenn man der heiligen Kunst wegen für umme beim Slam auftritt, während sich der Wirt am nächsten Tag vom Bier-Umsatz ein goldenes Schloss auf Gran Canaria oder zumindest Butter fürs Brot kauft?” Volker Strübing

So ist dies nicht der Beginn vom Ausverkauf, sondern nur die konsequente Fortsetzung.

Gewichtiger ist die Furcht vor der künstlerischen Ausbeutung. SAT.1-Comedy als Sendeplatz lässt Böses ahnen! Verkommt der Slam nun endgültig zu Comedy. Bleibt durch die Ausstrahlung von Slam-Beiträgen erst durch den WDR, dann durch ARTE und nun durch SAT.1 in die Hirne der Nation nur die Gleichung „Slam=Lustig“ hängen?

Das bleibt zu befürchten. (Dass der WDR Pauline Füg zur zweiten Staffel erst gar nicht mehr eingeladen hat, ist ein unschönes Indiz dafür!)

Dagegen tun lässt sich nicht viel. Vielleicht zwei Dinge:

Nicht mitmachen! Dies ist die passive Lösung des Problems. So lässt sich hinterher prima sagen: Ich habe nicht mitgemacht. An mir hat es nicht gelegen. Und so bleiben denn die Pop-Kultur-Pessimisten in ihrer kulturellen Kuschelecke kleben und heulen in ihr Max Goldt-Buch.

Mitmachen! Aber: Ehrlich bleiben. Wer möchte, dass Slam Facettenreich bleibt, der muss selbst Facetten beifügen. Der muss vielleicht auch mal den Mut haben, über die Rote Linie „Pointe“ zu springen um zu sehen, was auf der anderen Seite des Blattes steht. (Den Satz verstehe ich nicht, aber er fühlt sich toll an!) Was ich meine:

Andy Strauß startet den Ausverkauf der Slam-Szene

Auch ich bin eingeladen zu einer der Aufzeichnungen für SAT.1 am Donnerstag, den 17. Januar in der Faust Warenannahme in Hannover. Auch ich habe gezweifelt. Auch ich will das nicht, dass immer nur alle sagen „Slam=Lustig“.

Denn dass dies nicht so sein muss, das durfte ich gestern Abend erleben. Beim Freibeuter-Slam in Bochum konnte ich mich in einem hochklassigen Feld erst mit meinem „Liebeslied“ und dann im Finale mit „Vaterland“ durchsetzen. Beides Stücke, die nicht auf Pointen abziehen. Beides Stücke, die mir mehr als nur am Herz liegen. Es sind Stücke, die habe ich geschrieben, weil ich sie schreiben wollte. Nicht weil ich musste. Weil jemand vielleicht sagte: „So schreibt man Slam-Poesie“.

Die Resonanz vom Publikum war großartig. Die Gänsehaut behalte ich vermutlich bis Ostern. Und als Lohn fürs Ganze? Da gab es eine Flasche Rum der Marke „Mount Gay” (man beachte den Link: www.spirituosen-superbillig.de) und 20 Euro Fahrtkostenerstattung. Dennoch und deshalb: Es war einer der schönsten Slam-Abende in fünf Jahren Slam!

Verloren hat der Slam erst dann, wenn die Slammer nur noch darauf hinaus schreiben, zu gewinnen. Ich will das nicht falsch verstanden wissen: Es bleibt das ureigene Verlangen, es muss so sein, dass der Slammer gewinnen will! Das ist das Fundament des Konzeptes. Aber die kulturelle Ausbeutung fängt doch schon in dem Moment an, in dem einer in seiner kleiner WG-Bude hockt und sagt: „Harhar! Nun schreibe ich ein Gewinnerstück! Harhar!“ ... Obwohl er doch eigentlich viel lieber was anderes schreiben würde. Und dann steht er bald da, auf der Bühne mit seinen schief zusammengehämmerten Pointen. Und vielleicht gewinnt er sogar. Aber was hängen bleibt, bei ihm und bei seinem Publikum wird sich anfühlen wie Milli Vanilli. Und nicht wie ein Gitarrenriff von Slash.

Danke, Bochum!

Also: Seid ehrlich. Macht Euer Ding auf der Bühne. Das Publikum wird euch glauben. Erst dann wird Slam bleiben, was er immer war: Ein bunter Jahrmarkt voll Eitelkeiten. Egal, ob in einem muffigen Hinterhof, auf einer Bierkiste in der Fußgängerzone von Leipzig oder im Fernsehen. Der Slam ist nicht das, was er scheint, sondern das, was Ihr daraus macht! Ihr seid die Protagonisten, nicht die Nebenfiguren!

Ich werde exakt das gleiche Set wie in Bochum mit nach Hannover nehmen. Vielleicht werden sie es herausschneiden. Vielleicht auch nicht. Es ist eine Chance. Ich nehme sie wahr.

Und der Ausverkauf? Ach der. Der beginnt erst dann, wenn man sich nicht mehr über ein Flasche Schnaps freut für die man 400 km quer durchs Land gefahren ist.

Ich freue mich.

Und sehr auf Sarah Kuttner. (Die moderiert das ganze nämlich bei SAT.1)


 

 

Dieser Eintrag ist vom 07.01.2008 und gehört zu: Poetry, Buchse runter, Slam, Die Anderen, Medienkonsum ...
5 Kommentare (s.u.) wurden bislang dazu hinterlassen. ... Trackback-Link

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Mischa schreibt dazu am 08.01.2008
Da hatta recht, hatta, der Markus
Markus schreibt dazu am 08.01.2008
@Stefan: NatĂŒrlich machen RTL und Co. zu 99,9% MĂŒll. Aber wenn ich will, dass die Leute „Poetry Slam“ sehen, in einer Sendung die jemand „Poetry Slam“ nennt, dann muss ich „Poetry Slam“ auf die BĂŒhne bringen und das nicht anderen ĂŒberlassen, die keine Ahnung von „Poetry Slam“ haben. Die Menschen vor dem Fernseher, die auch gleichzeitig unser Publikum sind, werden durch die „Beschallung“ ĂŒber das Medium Fernsehen ein GefĂŒhl fĂŒr diesen Begriff entwickeln und dann deshalb oder deshalb nicht zu unseren Veranstaltungen kommen. Wir haben nur dann eine Chance, dieses GefĂŒhl mitzuprĂ€gen, wenn wir ihnen entgegentreten. Denn bei aller Liebe zur Kunst: Ein Slam ohne Publikum oder mit einem Publikum mit falscher Erwartungshaltung ist kein Slam mehr.
Markus schreibt dazu am 08.01.2008
Ja. DU schon Mischa. :-)
Mischa schreibt dazu am 07.01.2008
Har har, das ist das schöne an mir: Ich sitze IMMER in meinem Zimmer und sage: "Ich schreibe jetzt einen Gewinnertext!" Und dann schreibe ich ihn, weil ich ihn schreiben will, weil ich genau diesen text schon seit wochen im kopf herum trage und ihn selber hölle witzig finde und eigentlich wĂŒrds reichen, ihn im kopf zu hören, weil, ich find ihn ja witzig und ich bin der wichtigste mensch der welt, reicht ja, wenn ich ihn höre und witzig finde, aber der ist so hölle witzig, ich schreib den direkt auf, fĂŒr andere Menschen, weil ich gewinnen will, weil gewinnen ist geil, und dann ist er fertig, und dann gewinne ich einen slam und dann gewinne ich keinen und dann gewinne ich einen anderen und dann wieder keinen und trotzdem waren alle abende schön. außer man kriegt null punkte. das ist dann wirklich mal scheiße.
stefan freise schreibt dazu am 07.01.2008
ich habe da einen sehr guten freund, mit dem ich diesen diskurs immer wieder fĂŒhre. wir sind dabei einer meinung und wollen dem ganzen nur weiter auf die schliche kommen.

und ich sage es mal so: eine tolle frau in ein teures restaurant auszufĂŒhren, damit sie spĂ€ter die grĂ€tsche macht, ist keine prostituition; nicht immer.

wenn ihr (irgendwann) das gefĂŒhl habt, ihr wĂ€ret slam-huren, dann seid ihr es. und wenn nicht, dann nicht.

was rtl, sat1 und co. in den letzten jahren zutage getragen haben in unstrittig 99% fĂŒr die tonne; und darin ganz unten. ein anderes thema, eigentlich. da sind nicht nur huren zu dienste, sondern auch millionen von spannern, die schon allein vom zuschauen höchste befriedigung zweiter gĂŒte erfahren.

doch hin und wieder kommt irgendwo einer durch, obwohl er qualitÀt verspricht (z.b. harald s.).

ich gönne es euch und bleibt der sache treu. und euch. der rest ist nur geld.

und die zweitglĂŒcklichen kommen dann immerhin noch umsonst in den dschungel oder auf das eis. umsonst.

* wird nicht veröffentlicht.

Dies hier ist schamlos und komplett von _ben geklaut. Der findet das aber großartig.

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Dann wollen wir mal wieder: Meine Slam-Saison beginnt.

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