<< „Lass uns doch Feinde sein“-Premierenfeier
„Text ist zum Lesen da!” >>

Finn-Ole Heinrich, Räuberhände

Das kennt jeder: Diesen Moment im Kino, mitten in diesem besonderen Film, in dem diese eine Sache passiert und der ganze Saal raunt. Man möchte aufspringen und applaudieren. So ein Moment habe ich tatsächlich beim Lesen von Finn-Ole Heinrichs Debüt-Roman „Räuberhände“ erlebt. Auf Seite 195.

„Wer ist stärker?“

In einem Satz läuft die gesamte Erzählung zusammen und verdichtet sich auf eine einzige Frage. Und doch ist das Buch mehr: Es ist immer wieder diese besondere Erzählstimme von Heinrich. Seine spürbare Sucht nach Bildern, der er sich ergibt und dessen Resultat Passagen wie diese hier sind:

„Istanbul ist ein Schlauch. Ein heißer Raum ohne Anfang und Ende, der an meinen Nerven zerrt und überlaut die Töne aufeinanderschichtet, von allen Seiten Gerüche in meine Nase fächelt, die wie Feinde sind.“

Ich war noch nie Istanbul. Und doch nimmt mich Janik, Heinrichs Ich-Erzähler, an die Hand und irrt mit mir durch das Labyrinth dieses stickigen Molochs. Auf der Suche nach ... Aber nein. „Räuberhände“ ist eines von den Büchern, bei denen es schlimmer wäre, die Geschichte als das Ende zu erzählen.

Eine Geschichte, durch die Heinrich (Foto) seine Figuren scheucht. Sie mit ihrem Schicksal schlammcatchen lässt. Janik, Samuel, Bubu, Lina, Irene und immer wieder die Eltern. Figuren, die mit feinem Strich gezeichnet sind und dabei doch deutliche Konturen bilden ohne auch nur einmal einen stereotypen Finger zu heben.

„Lina hatte raspelkurzes schwarzes Haar und Augenbrauen, die einen Schwung haben, dass man darin Achterbahn fahren möchte, Augenbrauen wie sie selbst, etwas übertrieben und auf eine elegante Weise exaltiert. Die Brauen sind ein hauchdünner Rahmen für ihre unglaublich großen, runden tiefen Augen, die braun sind und eigentlich schwarz vor lauter Pupille und ruhig und im selben Moment etwas spitz, schelmisch, so, als hätte Lina immer noch etwas in der Hinterhand, einen Witz etwa.”

Wer möchte sich nicht mit dieser Lina auf ein Schokoeis treffen, die Füße im Fluss baumeln lassen und einfach dort sein, weil es keinen besseren Ort gibt als diesen.

Am Ende legt man das Buch zur Seite, löscht das Nachtlicht und schließt die Augen. Eine der wundervollsten Erzählungen über Freundschaft und das Übertreten der Schwelle zum Erwachsenwerden hinter sich lassend. „Räuberhände“ ist eins von den Büchern, die man noch einmal lesen möchte. Nicht, weil man es nicht verstanden hat, sondern weil man es genossen hat. Ja. Ich denke „Räuberhände“ werde ich noch einmal lesen. (Nach dem hier natürlich.) Ich muss es einfach wissen:

„Wer ist stärker?“

Ich ahne es, Finn!

 

Finn-Ole Heinrich
Räuberhände
mairisch Verlag, 207 Seiten, gebunden
19,90 Euro
ISBN 978-3938539088

(Weil gerade Klein-Verlage wie mairisch so wichtig sind, weil sie den Mumm haben, solche Bücher aufzulegen, möchte ich Dich bitten, direkt dort zu bestellen. Dann bleibt das Geld dort, wo es hingehört.)

Dieser Eintrag ist vom 09.11.2007 und gehört zu: Poetry, Die Anderen, Medienkonsum ...
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Dies hier ist schamlos und komplett von _ben geklaut. Der findet das aber großartig.

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