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Die Toilette als Think-Tank: Wie ich herausfand, das Poetry Slams Rock-Konzerte sind. Oder Top Gun.

Die entscheidende Erkenntnis traf mich am Freitag, den 17. Oktober 2008  um 20 Uhr 32 auf der Herren-Toilette der Fachhochschule Frankfurt. Ich saß da auf der Schüssel, schied so vor mich hin aus und dachte über den am Mittag vergangenen „Poetry Slam auf der Frankfurter Buchmesse“ nach, den ich nicht nur nicht gewinnen konnte, sondern bei dem ich mit Kling und Klang als Letzter auch ausgeschieden hatte bzw. war.

Die aus diesem Erlebnis resultierende, nicht ganz neue, aber dort auf dem Örtchen endgültig manifestierende Erkenntnis, wurde in diesem Satz greifbar:

Poetry Slams sind wie Rock-Konzerte.

Was war geschehen?

Ein wenig eingenommen von dem vielen Lob und den Hudeleien hatte ich mir eingeredet, dass ich mit meinem „So kurz vor Toresschluss doch noch ein Liebeslied“-Text in dieser Saison sowas von alles wegzocken würde. Komme was wolle. Schließlich kam er in der vergangenen Saison auf Grund meiner Pause nie wirklich zur Geltung - wenn dann aber gut an. Ein paar mal; davon jedoch nur zweimal so richtig. Einmal beim Slam in Bochum. Dort brachte er mir den Sieg in einem hochklassigen Starterfeld. Und das andere Mal beim Slam in Hannover. Für alle, die ihn noch nicht kennen: Hier ist er nochmal zum Nachschauen; von besagtem Hannoveraner „Macht Worte!“-Slam im Rahmen der Sendereihe „Sarah Kuttner Slam-Tour” von SAT.1-Comedy:

Und damit alles wegpusten? Apropos: Puste. Und zwar: Kuchen. Wer Slam kennt, weiß: So ein Text hat es nie leicht. Das muss man sich auch mal auf der kulturellen Zunge zergehen lassen. Am Beispiel des vergangenen Freitags auf der Buchmesse:

Es ist Freitag-Mittag 13 Uhr, die Leute kommen gerade aus dem „Restaurant Aubergine” in Halle 4 des Frankfurter Messegeländes vom Wiener Schnitzel für 13 Euro 50 inkl. der Flasche „Beck's Alkoholfrei” für 3 Euro 30, sind satt, hellwach und so gar nicht pop-kulturell angerockt. Ist ja Buchmesse. Nicht Pop-Komm. So Deutsche, die man erst einmal von einer inneren Blockade befreieen muss. Denen man erstmal sagen muss: „Es ist alles gut! Kultur darf unterhalten. Für alle anderen kommt gleich noch der Grass.” Da kommt da so einer her mit Befindlichkeits-Poesie und glaubt sie mit sowas aufheizen zu können. Seien wir doch ehrlich und bei aller Liebe im Lied: Das konnte nicht funktionieren. Jedenfalls niemals so gut wie auf dem Video, wie in einer vollbesetzten Faust Warenannahme in Hannover im Januar 2008 um 22 Uhr. Wenn alle schon ein wenig angeschickert und gefühlsduselig an ihrer Sitznachbarin rumspielen. Nachdem schon einige Slammer zuvor dem Publikum das Zwerchfell gekitzelt und damit diese Blockade im Kopf beseite geräumt haben. Zum Beispiel der Mischa Vérollet mit seiner „Helga“, der damals in Hannover vor mir dran gewesen war und im Fazit mit einer knappen, knappen, knappen Wertung und zurecht vor mir landete. Mischa darf das. Jederzeit.

Zur Überschrift. Und: Was das mit Rock-Konzerten zu tun?

Das:

Stell' Dir mal vor, du gehst auf ein Rock-Konzert und du bist so noch gar nicht locker. Der Arbeitstag war langweilig und hart und die Bockwurst in der Westfalenhalle Dortmund für gefühlte 12 Euro liegt schwer im Bauch. Billiges teures DAB kann auch das nicht wettmachen. Und die beiden Typen vor dir, die dir die Sicht auf die Bühne verstellen, streiten sich die ganze Zeit, ob die frühen Platten nicht ehrlicher waren als dieser neue Mist. Da stehst du mit all der Anspannung, die dein Da- und Wegsein mit sich bringt und alles was du willst ist, dass dir der Typ mit den langen Haaren und dem Stirnband, für dessen Auftritt du 35 Euro bezahlt hast, mal eben mit ein paar behenden Griffen in die Saiten seiner Stromgitarre die Rübe freibläßt. Denkst du.

Dann geht das Licht aus und die Spots faden ein. Jetzt. Jetzt. Jetzt geht es gleich los. Die ersten paar Takte denkst du, dass ist schon okay, dies Geplemper. Das ist das Intro, das muss so. Gleich. Gleich. Gleich haut der richtig in die Saiten. Und befreit dich von deinem Seelenrotz wie ein ordentlicher Stoß durch die Nase bei einer Erkältung die Schnötte aus den Nebenhöhlen pustet. Aber nichts von alledem. Statt dir die Rübe freizupusten haucht er dir ununterbrochen romantische Klimpereien in die Ohren. Weltschmerz. Herzweh. Schmonsenz. Und lässt dich allein, mit deinem Kopf voll Chaos. Der Arsch. Und du beginnst ihn ein wenig zu verachten. Den Arsch.

Zurück zum Poetry Slam:

Um darauf zu kommen musste ich also erst in ein Fachhochschul-Klo in Frankfurt urinieren. Okay: Irgendwie gewusst, dass Slam nur so funktioniert, dass hatte ich schon lange. Aber bislang habe ich mich immer dagegen verwehrt. Behauptet, dass man so einen Abend auch mit einer ordentlichen Slam-Ballade eröffnen kann. Wenn sie nur gut genug wäre. So gut, wie Paulines Zauberspruch zum Beispiel, mit dem sie trotz frühem Startplatz im Berliner National-Finale 2007 nicht nur einen angemessenen 4. Platz erreicht hat, sondern vom Publikum erst mit Standing Ovations bedacht und später von selbigem (vergeblich) versucht wurde ins finale Finale zu protestieren. Dass es dafür mehr bedarf als eines guten Textes, sondern entsprechender Rahmenbedingungen, dass jedoch fiel mir dort und dann in Frankfurt wie ein Groschen ins Porzellanschälchen der Klofrau.

Gonna take you right into the danger zone

Bestätigung brachte mir dann der anschließende „Buchmesseslam“ der im Café der Fachhochschule stattfand. Denn meiner Intuition folgend, dass das Publikum zu Beginn meines Auftrittes als 8. Slammer von 12 Startern und Starteretten zwar von den bisherigen Poeten und Poetinnen schon ein wenig in Schwung gebracht worden, aber noch immer nicht so richtig spitz war, ließ ich das „Liebeslied“ in der Tasche und packte stattdessen mein neuen Text „Was ich mal nicht gemacht habe: Harte Drogen nehmen.“ aus. Der hat bestens gezündet und mir den Gruppensieg in Startergruppe 2 vor Martin Kistner beschert. Knapp. Aber souverän.

Joshua Walters aus Berkeley war auch beim Slam in der Fachhochschule „Featured Poet“. Aber irgendwie verstehe ich diesen amerikanischen Slam nicht. Das ist mir zu bewegt und improvisiert.

Als der Abend dann lang und das Publikum müder wurde und ich im Finale gegen Karsten Lampe und Sebastian23 heran musste, griff ich dann wieder auf besagte Ballade zurück und ergatterte einen wundervollen 2. Platz hinter dem wohl talentiersten Slammer Deutschland, dem Sebastian23 aus Bochum*. Das ist dann keine Schande mehr sondern eine Ehre. Das ist wie hinter Maverick in einer Tomcat zu sitzen. Mit den Besten der Besten da oben. Ein Ritt auf einer Autobahn in die Gefahrenzone. So ein Moment fühlt sich exakt ganz genau so an:

Und mehr kann Slam nicht für mich tun. Das ist mehr, als ich mir je erhofft hatte.

Somit endete nicht nur ein toller Tag voll Poetry Slam in Frankfurt sondern begann auch eine neue Phase für mich als Slammer. Alles was ich jetzt noch machen muss ist mein Repertoire an Texten für die laufende Saison vergrößern. Aber da bin ich am Ball. Neben der neuen Ballade „Negerköniginnenreich“ warten solche Texte wie „Was ich mal nicht gemacht habe: Als Pornodarsteller arbeiten“ oder „Die Außerirdischen sind unter uns und sie tragen Fahrradhelme“ auf ihre Vollendung.

Wir sehen uns am Dienstag bei Poetry All Stars #2.

Ich freue mich auf Euch.

*) Fernsehtipp: Wer nicht zu Poetry All Stars #2 kommt oder einen Videorekorder oder einen Account bei onlinetvrecorder.de sein eigen nennt: Der Sebastian23 ist am Dienstag, den 21. Oktober bei TV Total zu Gast um dem Raab mal zu zeigen, wie exzellente Unterhaltung wirklich geht. Dass er dabei sein neues Buch „Ein Kopf verpflichtet uns zu nichts“ in die Kamera hält ist nicht nur leigitim sondern erwünscht.

 

Dieser Eintrag ist vom 19.10.2008 und gehört zu: Poetry, Slam, Die Anderen, Gewusst wie ..., Kunst, Slam 2008 ...
5 Kommentare (s.u.) wurden bislang dazu hinterlassen. ... Trackback-Link

Auch einen Kommentar schreiben?
chinese searches schreibt dazu am 05.01.2009
wow [Dort weiterlesen]
chineseman schreibt dazu am 04.01.2009
Not sure that this is true) but thanks [Dort weiterlesen]
chineseman schreibt dazu am 04.01.2009
Not enought information [Dort weiterlesen]
Markus Freise schreibt dazu am 24.10.2008
Hi Philipp,

vielen Dank. Mehr von meinen Texten findest Du ├╝brigens auf meiner MySpace-Seite www.myspace.com/markusfreise. Nach Frankfurt komme ich gerne mal wieder. Vorher ist aber - was Eure Region angeht - erstmal Marburg dran. Wann kannst Du jederzeit in meinen Terminen nachlesen.

Gru├č
Markus
Philipp M├╝ller(redeart.com) schreibt dazu am 23.10.2008
Habe dich Freitag Abend in Frankfurt gesehen. War wirklich sehr angetan. Super Text und gute Show!
Hoffe dich mal wieder in Frankfurt und Umgebung sehen zu k├Ânnen!

Gr├╝├če aus Frankfurt
Philipp

* wird nicht veröffentlicht.

Dies hier ist schamlos und komplett von _ben geklaut. Der findet das aber großartig.

5
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